Von Kunstseide und Zellwolle
1928 bis 1934 – Geplante Kunstseidefabrik
1936 bis 1971 – Erfolgreiche Zellwolleproduktion
Ab 1996 – Wiederbelebung des TurmCenters
1928 bis 1934 – Geplante Kunstseidefabrik
Im Jahr 1928 schlossen die Bemberg AG und die Stadt Siegburg einen Vertrag zur Erbauung einer Fabrik zur Kunstseideproduktion ab – der heutige Gebäudekomplex rund um das TurmCenter.
Die J.P. Bemberg AG aus Barmen (bei Wuppertal), gegründet 1792, genoss nahezu ein Jahrhundert lang als Hersteller von Türkisch-Rot-Garnen Weltruf. Bei der Veredelung von Garnen war Bemberg eine der ersten und lange Zeit führenden Firmen, die sich auf die Mercerisation von Baumwollgarnen und -geweben spezialisiert hatte. Das Unternehmen entwickelte eine insbesondere in der Strumpf- und Seidenindustrie stark nachgefragte Kunstseide. Die Bemberseide und die Adlerseide waren weltberühmt.
Doch nach Jahren der Absatzsteigerungen kam die Wende – und die nach nur einjähriger Bauzeit 1929 fertig gestellte Fabrik in Siegburg blieb leer: »Da es den Bemberg Werken wirtschaftlich nicht sehr gut gehe, würde man vorerst auf eine Bestückung der Fabrik mit Maschinen verzichten.«
Trotz intensiver Bemühungen der Stadt Siegburg wurde die Produktion nicht aufgenommen. Die beginnende Weltwirtschaftskrise erschwerte die Situation, und ein letzter, im Juli 1934 unternommener Versuch, das Werk in Betrieb zu nehmen, scheiterte letztlich ebenfalls.
(Quelle: »Die Zellwolle in Siegburg«, Alois Richarz in Fundgrube Vergangenheit, Aufsätze zur Stadtgeschichte, Band V, Schriftreihe Beiträge zur Stadtgeschichte, Heft 36, S. 67 ff., Stadtarchiv Sankt Augustin (Hrsg.), 2001 Rheinlandia Verlag, ISBN 3-935005-20-2.)
Mehr zur Bemberg AG
1936 bis 1971 – Erfolgreiche Zellwolleproduktion
Am 10. Dezember 1936 übernahm die Rheinische Zellwolle AG (RZW) von der Bemberg AG die Gebäude in Siegburg. 1937 begann man mit der Fertigung von Zellwolle, einer aus Zellulose (Holz) hergestellten, spinnbaren Faser. Für die Produktion benötigte man viel Wasser, das die RZW aus eigenen Brunnen und der Sieg, später auch aus der Wahnbach-Talsperre bezog. Große Wasserbehälter im Turm auf dem Fabrikgelände gewährleisteten stets einen genügenden Wasservorrat und entsprechenden Druck in den Leitungen.
Der Fertigungsprozess begann in der vierten Etage, wohin man die Zellstoffballen mit einem Aufzug beförderte. Nach einem Bad in Ätznatronlauge presste man die Lauge ab und die gelöste Zellulose fiel zur weiteren Vearbeitung in die Etage darunter.
Während des Zweiten Weltkrieges war Naturwolle sehr knapp und Zellwolle daher ein gefragtes Gut. Sie wurde für die Uniformen für das Heeres ebenso benötigt wie für den zivilen Bedarf. Der Energiebedarf für die gesamte Produktion war enorm. Das Kesselhaus lieferte über die dampfbetriebenen Turbinen den Strom. Den Dampf nutzte man anschließend zur Deckung des Wärmebedarfes.
1955 fusionierte das Unternehmen, das mittlerweile Chemiefaser AG hieß, mit der Phrix-Werke AG, Hamburg, einem 1941 gegründeten Zellwolle- und Kunstseidehersteller. Seit 1956 firmierte man in Siegburg unter der Bezeichnung Phrix-Werk Siegburg. Das Wort Phrix leitet sich aus dem Griechischen ab (phrixos = gekräuselt), entsprechend der gekräuselten Wolle nach der griechischen Sage vom Goldenen Vlies. 1968 wurde die BASF, Ludwigshafen, zur Muttergesellschaft der Phrix-Werke AG.
Am Ende der 1960er Jahre stellte man im Phrix-Werk Siegburg auch Folien her, was mangels Rentabilität aber rasch wieder eingestellt wurde. Ingesamt war es um die Wirtschaftlichkeit der Produktion mittlerweile schlecht gestellt, nicht nur in Siegburg, sondern auch an anderen Phrix-Standorten wie Krefeld und Neumünster. Nach den Betriebsferien im Sommer 1971 wurde die Produktion in Siegburg nicht mehr angefahren – das Werk wurde still gelegt. Die Maschinen verkaufte man an Zellstoffwerke in Österreich oder verschrottete sie.
(Quelle: »Die Zellwolle in Siegburg«, Alois Richarz in Fundgrube Vergangenheit, Aufsätze zur Stadtgeschichte, Band V, Schriftreihe Beiträge zur Stadtgeschichte, Heft 36, S. 67 ff., Stadtarchiv Sankt Augustin (Hrsg.), 2001 Rheinlandia Verlag, ISBN 3-935005-20-2.)
Mehr zur Geschichte und den Produktionsverfahren im Phrix-Werk Siegburg
Ab 1996 – Wiederbelebung des TurmCenters
Nach der Schließung des Phrix-Werkes Siegburg siedelten sich immer wieder kleinere und größere Firmen in den Gebäuden an. Das eigentliche Herz der Fabrikanlage, der vierstöckige quadratische einstige Wasserturm, war jedoch stets schwierig zu nutzen. Gleiches galt für die große Halle, das ehemalige Hauptfabrikationsgebäude. Jahrelanger Leerstand spiegelte sich im Zustand der Gebäude wider.
Nachdem sich bereits sieben Investoren vergeblich an Umnutzungsplänen der klassizistischen Industriegebäude versucht hatten, übernahm Hannspaul Egge den Komplex 1996 im Originalzustand. Im Zuge der 1998 begonnenen Umbaumaßnahmen legte der Kölner stets großen Wert darauf, die Zeugnisse historischer Industriekultur zu bewahren und zugleich ausreichend Gestaltungsfreiheit für Büroräume und Gewerbeflächen zu bieten. Da die Gebäude nicht unter Denkmalschutz stehen, sind den Nutzern individuelle Ausbaumöglichkeiten im Einklang mit erhaltenswerter Architektur gegeben.
Dem Charme und Backsteinflair des TurmCenters erlag als erstes Unternehmen zur Jahrtausendwende die allesklar.com AG. Die flexible Gestaltung der Büroräume und die potenzielle künftige Flächenerweiterung überzeugten das 1996 als StartUp gegründete Unternehmen. Mittlerweile zählt es insbesondere durch sein einzigartiges Erfolgsportal meinestadt.de zu den erfolgreichsten Internetanbietern Deutschlands.
Das Call Center mit 50 Mitarbeitern sowie das Großraumbüro der Content-Redaktion von allesklar.com sind heute im vierten Stock des Turms auf 850 Quadratmetern untergebracht. Die Herausforderung war groß, bei einer Deckenhöhe von 8 m und trotz der Großraumstruktur ein angenehmes und leises Arbeitsklima zu schaffen. Mit der Kombination verschiedener hochwirksamer Akustiksysteme ist dies dem Akustikspezialisten Ecophon aus Lübeck auf ideale Weise gelungen. Im TurmCenter ist somit ein Beispiel für eine herausragende Raumakustik mit zugleich ästhetisch ansprechender Architektur entstanden.
Mehr zur allesklar.com AG im TurmCenter und dem einzigartigen Akustikklima